Reichssportfeld

über europa sind zwar nach wie vor noch zahlreiche relikte aus der zeit des dritten reiches auffindbar, allerdings sehr weit verstreut und häufig eher geduldeter parasit als unter denkmalschutz gestelltes zeugnis. anders bei dem ehemaligen austragungsort der 11. olympischen sommerspiele 1936. als eines der größten baulichen zeugnisse aus der zeit des nationalsozialismus zählt das ehemalige »reichssportfeld« im westen berlins zu den größten architektonischen hinterlassenschaften neben dem areal des reichsparteitagsgeländes in nürnberg und dem ehemaligen flughafen tempelhof.

zum reichssportfeld, dem gelände der olympischen sommerspiele 1936, gehörten neben dem olympiastadion das deutsch sportforum, das olympia-schwimmstadion, die waldbühne, das maifeld, der glockenturm mit langemarckhalle, das hockey-olympiastadion, das olympia-reiterstadion und die stadionterrassen. auf dem ehemaligen wurfplatz des sportforums befindet sich heute das olympiapark-amateurstadion. für die in berlin stattfindenden olympischen spiele 1936 wurde das nun »reichssportfeld« genannte gelände im wesentlichen in der heutigen form neu geschaffen. dabei wurde das deutsche stadion weitgehend abgerissen und durch das olympiastadion ersetzt, während das sportforum durch weitere bauten ergänzt wurde. architektonisch orientierte sich das olympiastadion in berlin mit seinen klaren geometrischen grundformen an bauten der antike.
der architekt werner march hatte für die wesentlichen bereiche des reichssportfeldes griechische entsprechungen der olympischen spiele der antike im sinn. das stadion von 1936 wurde teilweise als erdstadion ausgeführt, bei dem nur der mit fränkischem muschelkalk verkleidete oberring über das erdniveau herausragte, weswegen seine äußerliche wirkung nicht so übermächtig ausfiel wie zum beispiel bei der nicht mehr fertiggestellten kongresshalle auf dem reichsparteitagsgelände in nürnberg.
architekt march folgte bei den bauten auf dem reichssportfeld 1936 eng den planungspolitischen vorgaben hitlers. bei diesem olympia-gebäudeensemble sind schon die wesentlichen dramaturgischen momente der gigantomanischen planungen der folgezeit zu finden, wie später vor allem beim nürnberger reichsparteitagsgelände und bei den vorhaben zur umgestaltung berlins in eine »welthaupstadt germania«: städtebauliche ausrichtung in achsen, pathetische antikisierende werksteinkaschierung von modernen baukonstruktionen, gezielte installation architekturbetonender ns-großskulpturen, aufmarschmöglichkeiten für die menschenmassen, führertribünen und totenkultarchitektur.

bei betrachtung der bauten des reichssportfelds in der ost-west-achse, bildet der olympische platz als ein auftakt, danach das olympiastadion (damals auch »kampfbahn« genannt) den austragungsort, gefolgt vom maifeld als aufmarsch- und kundgebungsplatz und abschließend der glockenturm (in der bauphase auch »führerturm« genannt) mit der langemarckhalle und ihrem opferkult als höhepunkt im sinne der ns-ideologie. der einschnitt des stadions am marathontor, der den blick zum maifeld und zum glockenturm öffnet, betont den axialen charakter.
das olympische bauvorhaben wurde das erste von hitlers großbau-projekten. durch die ausweitung der vorhandenen planung stiegen die ausgaben von den ursprünglich kalkulierten 5,5 millionen auf 42 millionen reichsmark (kaufkraftbereinigt in heutiger währung: rund 177 millionen euro). mit den olympischen spielen in deutschland wollte er der welt vorführen, dass das deutsche reich unter seiner führung in erster linie ein friedliebenes, soziales und wirtschaftlich aufstrebendes land sei. neben der möglichkeit, durch die ausrichtung der olympiade 1936 in deutschland das ausland über den wahren charakter des ns-staates zu täuschen, war die gelegenheit, mit diversen baumaßnahmen der wirtschaftlichen misere im reich zu begegnen, die arbeitslosenzahl zu verringern und auf diese weise die popularität seiner regierung zu steigern, ein weiteres motiv für hitlers bestreben. seinen entschluss für das umfangreiche bauprojekt des reichssportfeldes begründete er so:
»wenn man vier millionen arbeitslose hat, muss man für arbeit sorgen.«
die direkten auswirkungen auf die beschäftigten-zahlen blieben aber gering. zur bauzeit der berliner olympia-anlagen wurden nie mehr als 2000 bau-helfer eingesetzt, das heißt ungelernte kräfte – welche nur anfangs für die erdarbeiten eingesetzt werden konnten.
schon der vorgänger des olympiastadions, das deutsche stadion, war mit reichhaltigem skulpturenschmuck ausgestattet. für die olympischen spiele 1936 wurden verschieden künstler beauftragt, einzelne bestandteile des figurenschmucks zu entwerfen. die mehrzahl davon ist bis heute erhalten.

im jahr 1938 erfolgte der endgültige bauliche abschluss für das reichssportfeld mit der fertigstellung des heimes für den reichssportführer. die planungen von albert speer zum bau der »welthauptstadt germania«, die bereits 1935 begannen, sahen eine hochschulstadt beiderseits der heerstraße südöstlich des reichssportfelds vor, der das reichssportfeld mit dem olympiastadion später zugeschlagen worden wäre. als architektonischer höhepunkt der hochschulstadt sollte eine neue, riesenhafte langemarckhalle errichtet werden, die alle bereits vorhandenen gebäude in den schatten gestellt hätte.
der gebäudekomplex und die freiflächen des sportforums im norden wurden nach dem zweiten weltkrieg von den britischen alliierten als hauptquartier in anspruch genommen und waren für die öffentlichkeit unzugänglich. wichtige teile des olympiageländes sind damit kaum im bewusstsein der stadt verankert.
die von den britischen alliierten genutzten bereiche des olympiageländes wurden am 30. september 1994 dem land berlin zur nutzung überlassen, der olympiapark berlin wird von der berliner senatsverwaltung für inneres und sport bewirtschaftet, das olympiastadion von der olympiastadion berlin gmbh.

ab dem jahr 2000 wurde das vereinszentrum von hertha bsc auf dem olympiagelände angesiedelt und ausgebaut. dieses umfasst die geschäftsstelle, das »profizentrum« und die »fußball-akademie«. das training der profis findet heute auf dem schenkendorff-platz statt. anstelle des ehemaligen wurfplatzes des deutschen sportforums wurde im juli 2004 das amateurstadion eröffnet. es wird von der zweiten mannschaft und verschiedenen nachwuchsteams von hertha bsc genutzt.
auf dem gelände befand sich bis 2005 auch ein im jahr 1951 errichteter 180,7 meter hoher abgespannter sendemast für mobilfunk und ukw-rundfunk, den bis zu ihrem abzug 1994 die briten für den soldatensender bfbs nutzten. der schließlich funktionslose turm wurde im juli 2005 abgerissen.
das olympiastadion wurde für die fussball-weltmeisterschaft 2006 grundlegend saniert und erhielt unter anderem ein weit gespanntes dach. seit 2006 informieren die dauerausstellung geschichtsort olympiagelände 1909 – 1936 – 2006 (im gebäude des glockenturms) sowie 45 zweisprachige informationstafeln im und um das gelände die besucher über die geschichte der 100-jährigen sportanlage.

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